„LASSET DE KINDER TO MIR KOMEN“
„1676 im Monat Aprilis“ steht auf dem Rand des Deckels der Taufe in der Kapelle Vreschen-Bokel. Das ist jetzt 350 Jahre her. Ein schöner Anlass, das gute Stück einmal genauer zu betrachten.
1676 lag der grausame 30jährige Krieg bald 30 Jahre zurück. In diesen Nachkriegsjahrzehnten wurden viele Kirchen renoviert und mit neuen Ausstattungen versehen. Die Bokeler Kapelle war erst ab 1620 durch Mittel des Oldenburger Grafen Anton Günter wiederhergerichtet worden. Im 16. Jahrhundert scheint sie eine lange Zeit nicht genutzt worden und entsprechend verfallen zu sein. Ob sie seit ihrer Gründung im Jahr 1456 bereits eine frühere Taufe hatte, ist nicht bekannt.
Viele Taufen aus dem Mittelalter oder noch früherer Zeit sind große Becken, sogenannte Fünten, aus Stein gehauen oder aus Metall (Bronze, Messing) getrieben oder gegossen. An der Größe erkennt man, dass die Kinder bei der Taufe ganz untergetaucht wurden. Auch die ersten Taufsteine nach der Reformation im 16. Jahrhundert lassen in ihrer Gestaltung diese Sitte erkennen.
Erst um 1600 werden die Wasserbehälter kleiner. Es setzt sich mehr und mehr die Sitte durch, die Babys nur noch mit wenigen Wassertropfen auf dem Kopf zu begießen.
Nun entstehen immer mehr Taufen aus Holz. Sie sind nun keine Taufsteine mehr, sondern eher Tauftische oder Taufschalen-Träger. Sie werden mit viel Phantasie verziert: Mit Ornamenten, Bildnissen und Texten, die oft biblische Bezüge zur Taufe herstellen.
Der Bokeler Tauftisch hat die Form eines Kelches, in dessen sechseckigen oberen Teil eine gleichfalls sechseckige Schale aus Zinkblech eingelassen ist. Die hölzerne Taufe ist farbig bemalt und mit goldenen Rändern verziert. Sie hat keine Bildnisse, sondern nur gesägte und gedrechselte Ornamente und eine Inschrift. Diese läuft einmal um den oberen Teil herum und lautet:
„LASSET DE KINDER TO MIR KOMEN VNDE WERET ENEN NICHT WENTE SOLKER IS DAT RIKE GOTS“
Das ist ein Zitat aus dem Evangelium nach Markus. So steht es auch auf dem Taufdeckel hinter der Jahreszahl: MARKUS AM 10 CAPITEL.
Der Taufdeckel wirkt wie eine Krone. Auf seiner Spitze befindet sich eine Öse. Daran erkennt man, dass der Deckel ursprünglich an einem Seil oder einer Kette befestigt werden sollte, um zur Öffnung Richtung Decke hochgezogen zu werden. Eine solche Konstruktion findet man z. B. in der St.-Petri-Kirche Westerstede. Das Gegen-gewicht zum Anheben des Deckels lief früher auf dem Dachboden. Heute übernimmt eine elektrisch betriebene Winde diese Aufgabe.
In Vreschen-Bokel hebt der Küster den schweren Deckel für eine Taufe ab und legt ihn auf einen Stuhl.
Für mich legt sich die Vermutung nahe, dass der Tauftisch vielleicht einmal in einer anderen Kirche aufgestellt war, wo das Seil durch die Decke geführt und mit einem Gegengewicht versehen war. Allerdings wissen wir darüber bislang nichts. Auch wer die Taufe gebaut hat, ist nicht bekannt. Anders als in Westerstede hat er seinen Namen nicht auf dem Holz hinterlassen.
Im 18. und 19. Jahrhundert sind immer wieder Taufen aus den Kirchen entfernt worden. Sie landeten auf Dachböden oder als Blumenkübel in Pfarrgärten. Der Grund dafür war: Die Taufen wurden immer öfter in den Häusern der Tauffamilien abgehalten. Erst im 20. Jahrhundert fand die Taufe dahin zurück, wo sie immer schon hingehörte: In den Gottesdienst der Gemeinde.
So sind es heute besonders schöne und lebendige Gottesdienste, wenn zwei oder drei Tauffamilien die ganze Kapelle füllen. Alle erfreuen sich an den kleinen Kindern und spüren etwas von dem Segen, der dem Kind und seinen Angehörigen für den Lebensweg mitgegeben wird. Das Wasser weist den Weg: Auf, zur Quelle der Lebendigkeit.
Text: Christian Andrae
Alter:
350 Jahre (seit 1676)
Ort:
Kapelle
Vreschen-Bokel
Besonderheit:
hölzerner Tauftisch
in Kelchform
Inschrift:
„Lasset die Kinder
zu mir kommen …“
(Markus 10)
Entstehung:
kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg
Material:
Holz bemalt, goldfarbene Verzierungen
Herkunft:
Herkunft und Erbauer unbekannt
